Motorrollertouren zwischen Seealpen und Côte d’Azur
Tief eingeschnittene Täler und Schluchten wechseln sich in der Haute-Provence mit einsamen Hochebenen und steilen Berggipfeln ab. Hier läuft manches beschaulicher; der Massentourismus hat das Hinterland der Provence noch nicht erreicht. Vor allem in der Nachsaison ist in den zahlreichen Dörfern der Haute-Provence kaum etwas los. Dazu ein beständiges, sonniges Klima; beste Voraussetzungen also für interessante Touren durch eine faszinierende Landschaft.
Bauernmarkt in Forcalquier
Die Provence ist ohne das Flair ihrer zahlreichen Märkte kaum vorstellbar. Es geht daher heute zum Bauernmarkt nach Forcalquier, der das sonst stille Städtchen mit bunten Farben und tausend Gerüchen in einen fast grenzenlosen Basar verwandelt. Mehr als 220 Händler sind auf diesem Markt anzutreffen. Es herrscht bereits reges Treiben, als wir unsere Maschinen am Straßenrand abstellen. Ein verwirrendes Duftgemisch von Gewürzen, Lavendelseife, Honig, kandierten Früchten, Käse, Oliven, Knoblauch und Salami empfängt uns. Unzählige Obst-, Wein- und Gemüsestände neben Schmuck, Kleidern, Keramik, Kunst- und Gebrauchsgegenständen, locken Touristen wie Einheimische gleichermaßen an. Es ist einfach herrlich, durch die Gassen zu bummeln und inmitten des Markttreibens am Place du Bourguet einen Café au Lait zu schlürfen.
Gegen Mittag brechen wir auf der winzigen D12 nach Norden in die Montagne de Lure auf. Die Silhouette des langen, kaum besiedelten Gebirgskamms liegt eindrucksvoll vor uns. Das schmale Teerband strebt in immerhin 20 Kehren und vielen teils unübersichtlichen Kurven über den Südhang die Bergkette hinauf. Überraschend queren Schafe die Fahrbahn. Oben erwartet uns eine recht karge Gipfelregion. Am Signal de Lure (1.745) werden wir dafür mit einem großartigen Rundblick belohnt, der 300 km weit über den Monte Viso (3.148), den Mont Pelvoux (3.946), das Vercors (2.350), die Cévennes (1.600) und den Mont Ventoux (1.912) reicht. Wenige Km weiter führt uns der wenig bekannte „Pas del la Graille“ (1.597), dessen beeindruckendes Panorama sich durchaus mit höheren Pässen messen kann, in weiten Kehren durch lichten Lärchenwald talwärts zum kleinen Weiler Valbelle im Tal des Jabron. Von hieraus erreichen wir kurz darauf wieder unsere Unterkunft in La Motte du Caire.

Der Col de Vars und die Felspyramiden des Col d’Izoard
Es ist recht frisch am Morgen, als wir die Motoren unserer Maschinen starten. Kaum 10 Grad, aber von einem wolkenlosen, blauen Himmel strahlt bereits die Sonne. Entlang des Lac de Serres Poncon steigt die D900 stetig bergan. Einige Kurven auf der gut ausgebauten Piste vermitteln schnell Fahrfreude und schon bald haben wir unser erstes Tagesziel im Auge, den Col de Vars (2.111). Der relativ wenig bekannte Pass zählt zu den 17 Alpenpässen der berühmten „Route des Grandes Alpes“ und ist ein beliebter Pass der Tour de France. Die 34 km lange Passstraße verläuft von Les Gleizolles im Süden nach Guillestre im Norden.
Der Südanstieg zum Col de Vars auf der Route des Grand Alpes ist kurz und steil, stellt jedoch keine besonderen Ansprüche an die Fahrkünste eines Flachländers. Nach St. Paul sur Ubaye wird es grau und felsig, dann setzt sich wieder sanftes Grün durch. Immer wieder erhaschen wir lohnende Ausblicke in das tief unter uns liegende Tal der Ubaye. Ein paar lässig zu fahrende Kurven mit schönen Radien folgen, dann beginnt in Melezen (1.660) der eigentliche Anstieg. Auf wenigen Kilometern erklimmt die Straße in langen Geraden und wenigen Serpentinen den Hang. Der Pass selbst liegt tief eingeschnitten in einem Hochtal. Über allem eine unendliche Stille. „So stell` ich mir Kanada vor“ meint Silke vor Begeisterung 😉
In vielen lang gezogenen Kurven geht es auf der Nordrampe nach unten. Am Refuge Napoléon, eine der insgesamt 6 Zufluchtsstätten in den französischen Alpen, deren Erbauung auf Kaiser Napoléon zurückgeht, passieren wir einen malerischen Bergsee. Die Straße ist angenehm breit; meine Siwi legt sich fast von selbst in die Kehren. Entspanntes Dahinschwingen ist angesagt. Dann fordert der Magen sein Recht – Mittagspause! Ein einsamer Tisch mit zwei Bänken lädt am Wegesrand zur Rast ein. Käse, Salami und Baguette schmecken hier oben doppelt gut und die traumhafte Bergkulisse gibt es gratis dazu. 6 Km vor dem Ende der Nordabfahrt tauchen dann einige Kehren auf. 8% Gefälle. Rechts die Felswand, links tut sich eine tief eingeschnittene Schlucht auf. Herrliche Rechts-Links-Kombinationen, da kommt echte Fahrfreude auf.
In Guillestre, auf einem 1.000 m hohen Plateau oberhalb der Schlucht des Flusses Guil gelegen, biegen wir zum Col d’Izoard (2.361) ab. Der Izoard ist in der Kategorie der Geheimfavoriten anzusiedeln und ist deshalb ein ruhiger, abgeschiedener Leckerbissen. Vor der eigentlichen Passstraße, zwischen Guillestre und Chateau-Queyras, durchqueren wir entlang der Guil die tief eingeschnittene „Combe du Queyras“, eine enge und malerische Schlucht. Dann wendet sich die D902 nach Norden zum Izoard. Sie verläuft entlang der Rivière über Arvieux bis Brunissard in einem breiten Tal. Dann beginnt ein Steilstück, das in mehreren Kehren durch lichten Kiefernwald führt. Weiter oben bietet sich uns eine grandiose Serpentinenstrecke, immer wieder durchbrochen von einigen flachen Geraden, in einer zerklüfteten, wilden Felslandschaft. Gekrönt wird die Auffahrt auf der Südrampe von der Casse Déserte, einer wüstenartigen Verwitterungslandschaft. Bizarre Felsnadeln ragen aus sandfarbenen Geröllfeldern auf. Es sieht aus, als hätten hier Bagger gewütet. In dieser wilden Landschaft steht am Straßenrand das Denkmal der italienischen Radsportlegende Fausto
Coppi. Die letzten Meter haben es noch einmal in sich. Rechts der Straßengraben, links der Abgrund. Wir fahren wie auf einem kleinen Damm. Konzentration ist angesagt. Schließlich taucht die Passhöhe auf – unsere Mitfahrerin Silke hat ihren ersten 2.300er bezwungen. Schnell beruhigt sich der Puls wieder beim Blick zurück auf die Berge des Queyras. Im Norden tauchen die Berge des Briançonnais aus dem Dunst auf. Die Sonne tut hier oben ihr Bestes, aber der Mistral bläst doch recht kräftig unter den Helm und drückt die Temperatur auf 5 (!) Grad. Brrrr…eisig! Ein paar mickrige Grashalme versuchen sich gegen den schneidigen Wind zu behaupten. Abwärts geht es zunächst serpentinenreich durch eine karge, braune Wiesenlandschaft, dann erreichen wir am Refuge Napoléon die Baumgrenze. Zeit, bei einem heißen Kaffee und Blaubeerkuchen wieder Leben in die Glieder zu bekommen.
Über Cervières und die Schlucht der Cerveyrette geht es auf perfekt asphaltierter Straße nach Briançon, einem Festungsstädtchen in der Nähe der italienischen Grenze. Pässe fahren frisst Zeit und so biegen wir auf der N94 nach Süden ab und geben unseren Maschinen die Sporen. Bei Savines-le-Lac queren wir die 900m lange Brücke über den den Lac de Serre-Ponçon, dessen türkisblaues Wasser sich in der Abendsonne spiegelt. Ein Stausee wie ein Meer mitten im Gebirge! Die D3 folgt in zahlreichen Windungen dem Berghang und dem fjordartigen Ufer des Sees. Sie scheint sich zu entfernen und in den umliegenden Bergen zu verschwinden, um dann nach der nächsten Kurve vor einem prachtvollen Seepanorama wieder hoch über dem See aufzutauchen. Die Südabfahrt des Col Lebraut (1.110) bietet noch einmal die Gelegenheit einer kurzen Kurven- und Kehrenhatz.

Grasse – Welthauptstadt des Parfüms
Zügig geht es auf der gut ausgebauten N85 über Digne-les-Bains und den Col de l’Orme (742) südwärts. Wir erreichen bald darauf den Col des Leques (1.148). Nördlich von Castellane gelegen, ist dieser Pass Teil der Route Napoléon. Diese folgt der Strecke, die Napoléon nach seiner Rückkehr von Elba 1815 auf seinem Marsch nach Paris einschlug. Hinter der schroffen Felslandschaft der Clue de Taulanne führt die Straße auf mittlerer Höhe am steilen Abhang entlang. Ich fühle mich fast in den Vercors versetzt. Unsere Tour wird jäh ausgebremst, als sich eine Schafsherde auf der Straße breit macht und den Asphalt zur Rutschbahn werden lässt.
Über zahlreiche Kehren, von denen wir immer wieder schöne Aussichten über das Tal haben, erreichen wir das Örtchen Castellane, über dem auf einem imposanten Felsen die Kapelle Notre-Dame du Roc thront. Am schattigen Marktplatz legen wir eine Pause in einem der Cafés ein und genießen bei Crêpes, Croissants und dem obligatorischen Café au Lait das französische Flair. Entspannung pur für die Seele!
So gestärkt geht es über die recht unspektakuläre Passhöhe des Col de Luens (1.054) und den
Pas de la Faye (984) zum Col du Pilon (782). Ein Stopp auf der Passhöhe ist lohnenswert, bietet diese doch einen herrlichen Ausblick bis zur Küste des Mittelmeeres und auf unser heutiges Ziel – Grasse, die „Stadt der Düfte“ und „Welthauptstadt des Parfums“. Zwar wachsen längst nicht mehr alle benötigten Blüten an den Hängen des Hügels, auf dem die Stadt thront, doch mehr als 30 Parfümfabriken gibt es noch. Die Stadt wurde auch als Handlungsort des Romans „Das Parfum“ bekannt. Am Rande der Altstadt ist schnell ein Parkplatz gefunden. Die Gassen sind eng, oft nur wenige Meter breit. Sonnenstrahlen schaffen es nur mühsam hinab auf den Gehweg. Viele der Häuser stammen noch aus dem Mittelalter. Crêperien, Bistros, Blumenläden und natürlich zahlreiche Parfümerien reihen sich aneinander. Fragonard, Galimard, Molinard – Grasse wartet mit großen Namen auf. Auch die beste Sozia der Welt verschwindet kurz in einem der Dufttempel, während ich vor der Tür an einem Bistrotisch geparkt werde. Strahlend taucht meine Sozia irgendwann wieder auf.
Im kleinen Weiler Pont du Loup wartet bereits unsere Unterkunft, die „Auberge des Gorges du Loup“. Hier sind wir die einzigen ausländischen Gäste. Das macht sich in der Küche bemerkbar – wir haben selten so gut französisch gegessen.

Cannes – Perle an der Côte d’Azur
Frühmorgens hält sich der Verkehr noch in Grenzen, sodass wir entspannt in die von den roten Felsen des Esterel-Massivs und den Voralpen eingerahmte Hafenstadt Cannes einfahren. Das mondäne Seebad an der Côte d’Azur ist bekannt durch sein Internationales Filmfestival. Hier traf die amerikanische Schauspielerin Grace Kelly zum ersten Mal ihren Märchenprinzen Rainier. Wir finden mit der Siwi problemlos einen Parkplatz direkt an der Uferpromenade. Das historische Cannes besteht aus rund einem Dutzend malerischer Gässchen. Nach einem Bummel durch die Altstadt mit ihren kleinen Boutiquen, Shops, Restaurants und Bars genießen wir mit Blick auf das Spielcasino und die zahlreichen Segel- und Motorjachten der „Reichen und Schönen“ noch einen Cafe unter südfranzösischer Sonne. Dann mahnt schon die Uhr zum Aufbruch. Das Navi schickt uns direkt durch die mittlerweile recht quirlige Innenstadt. Stopp and go. Unzählige Motorroller, die sich an keine Regeln halten und jede Lücke nutzen um durchzukommen. Das ist für einen Rheinländer gewöhnungsbedürftig. Schließlich ist auch dies geschafft und wir erreichen über Grasse die Gorges du Loup (Wolfsschlucht). Die Loup hat hier in Jahrtausenden ein tiefes Bett in die Kalklandschaft der südlichen Provence geschliffen. Wir biegen in Pont du Loup in die Schlucht ab und sind sofort von himmelhohen Felsen umgeben. Neben uns schäumt der Fluss. Eine wilde, romantische Landschaft. Wir durchfahren einige Tunnel, von deren Decke das Wasser tropft, dann entlässt uns die Gorges in das Vallée du Loup. Durch lichte Kiefernwälder und Macchia erreichen wir Gréolières, ein malerisches Dorf am Fuße der Montagne du Chairon (1.770). Hinter dem Ort steigt die D2 zügig in einigen knackigen Serpentinen bergan und es beginnt unerwartet eine traumhafte Fahrt durch die Clue de Gréolières. Die schmale, in den Fels gefräste Straße windet sich am Berghang entlang und durchstößt auf ihrem Weg zum Pas de Tous Vents (1.052) zahlreiche Felsüberhänge. Immer wieder ergibt sich ein phantastisches
Panorama hinab ins Tal des Loup. Der Blick reicht bis zu den höchsten Gipfeln der Seealpen.
An der „Les Quatre Chemins“, der Kreuzung von D2 und D5, etwa 2 km westlich von Haut Thorenc, wende ich meine Silver Wing dem Col de Bleine (1.439) zu. Durch Hochwald, Busch und Ginsterwälder zieht sich die verkehrsarme Straße hinauf zum Pass. Dichte Mischwälder begleiten die Abfahrt in langen Serpentinen.
Zwischen dem Dorf Solheilas und dem Lac de Castillon liegt der verkehrsmäßig unbedeutende Col de St. Barnabé (1.365). Die wenigen Kehren führen uns schnell hinauf zum Scheitel. Auf der Nordwestseite durchfahren wir zunächst ein Hochtal, links begleitet vom Crete du Teillon (1.893) und rechterhand vom Sommet de la Gourre (1.878). Vom Croix de la Mission aus, einem kleinen Parkplatz mit eisernem Kreuz, haben wir eine hervorragende Aussicht auf den Lac de Chaudanne und den Stausee Lac de Castillon. 9 Serpentinen, ein Gefälle von bis zu 14%, dann ist der Castillon erreicht. Die D955 führt uns entlang seines Ufers nordwärts, während sich die Sonne auf der weiten, tiefblauen Wasserfläche des Castillon spiegelt.
Zwischen Saint-André-les-Alpes und Moriez erklimmt die N202 über den recht unspektakulären Col des Robines (988). Immer wieder kann ich die Gashand auf der gut ausgebauten Strecke spielen lassen. In Digne-les-Bain biegt das schwarze Asphaltband zum Col de Labouret (1.240) und dem Col de Maure (1.346) ab. Die beiden Pässe sind recht unscheinbar, sodass sie leicht übersehen werden; es gibt auch keine Passschilder. In dem kleinen Bergdorf Le Vernet machen wir an der Gedenkstätte vor der majestätischen Kulisse des Bergmassivs, an dem der Germanwings-Flug 4U9525 sein trauriges Ende fand, einen Stopp. Die Gedanken werden schwer. Die nächsten Kilometer sind wir mit einem betroffenen Gefühl unterwegs.
Wir erreichen Seyne und nehmen, um schneller voranzukommen – was kommt konnte ja niemand wissen – „die Abkürzung“ Richtung Turriers zu unserer Unterkunft. Zunächst ist alles gut. Die D1 ist zwar schmal, kaum 2,5m breit, aber der Asphalt ist gut. Beidseits idyllische Almwiesen. Doch dann erreichen wir das „Schotterland“. Endlose 10 Kilometer über frischem Teer und Splitt. 10 Kilometer gegen die tief stehende Sonne. Fast blind tauche ich in den dunklen Schatten einzelner Baumgruppen ein. Als wenn man der Katze in den ….. fährt.
Dann der Aufstieg zum Col des Garcinets (1.250). Schmal, sehr holprig, sehr einsam und doch von wilder Schönheit. Schwarzer Fels säumt den Weg. Geröllhalden am Rand, Schieferplatten und Dreck auf der Straße. Der Schutt, der hin und wieder vom Berg rutscht, wird offenbar nur beiseite geschoben, um als Fahrbahnbegrenzung zu dienen. Slalomfahrt ist durch diese Mischung aus Buckelpiste und Flickenteppich angesagt. Ich warte ständig darauf, dass hinter der nächsten Kurve die Straße endet. Nicht gerade ein ideales Terrain für einen 236 Kg schweren Motorroller. Die Bremsen glühen. Der Schweiß tropft. Die beste Sozia der Welt trägt sich mit dem Gedanken abzusteigen. Die Passhöhe erweist sich dann lediglich als breiter Durchbruch im Felsgestein mit Passschild.
Hinter Turriers, das sich malerisch gegen die umliegenden Berge abhebt, biegen wir über die D951 zum Col de Sarraut (980) ab. Auf der Nordost-Auffahrt sorgen noch einige Kurven für Fahrspaß, dann tauchen wir ins Vallée du Grand Vallon ab. Hier ist die Apfelernte in vollem Gange; kleine Traktoren knattern durch die Obstplantagen, reges Treiben überall. Ländliche Idylle jenseits aller Touristenströme.


Entrevaux, die Gorges de Daluis und der Col de la Cayolle
Im Städtchen Entrevaux („zwischen den Tälern“), das wie ein Wespennest an einem steilen Felsgrat über dem Fluss Var klebt, machen wir einen Stopp. Drei mächtige Stadttore und massive Festungsmauern umgeben den Ort. Während unserer Touren in der Haute-Provence und den Seealpen habe ich diesem sehenswerten Örtchen schon öfters einen Besuch abgestattet, doch selten war er so leer wie diesmal. Verlassen ist der mittelalterliche Ortskern; die meisten Lokale haben geschlossen; die Touristensaison ist vorbei. Ein Baguette bekommen wir schließlich im Bistro du Pont Levis. Bierseidel stehen in den Regalen. Der Inhaber ist ein „französischer Bayer“. 7 Jahre in München prägen eben.
Nach wenigen Kilometern geht es dann in die „Rote Schlucht“. Zwischen Daluis und Guillaumes bildet das Tal der Var einen tief eingeschnittenen Canyon – die „Gorges de Daluis“. Knapp 12 atemberaubende Kilometer, teilweise auf überhängenden Trassen, zieht sich die schmale Route am Felsrand entlang. Steil fallen die rostroten Felsen in den Schlund der Schlucht, auf deren Grund die Fluten der Var tosen. Der Blick in den Abgrund und die Schwindel erregenden Serpentinen entlang minimalistischer Begrenzungsmäuerchen erzeugen reichlich Adrenalinstösse – besonders bei der besten Sozia der Welt. Jetzt, in den späten Nachmittagsstunden, ist das intensive Dunkelrot des Schiefers, gesprenkelt von wenigen grünen Farbtupfern, von besonderer Schönheit. Der azurblaue Himmel der Provence tut das seine dazu bei, dass wir zahlreiche Fotostopps machen und den Anblick dieses Naturwunders einfach nur genießen. Spätestens jetzt wissen wir, warum wir nach Südfrankreich wollten.
Es geht das immer enger werdende Tal hinauf bis nach Entraunes, einem recht unscheinbaren Örtchen. Dann verschlingt uns der 230 Meter lange, unbeleuchtete „Tunnel de Bramus“; mit Sonnenbrille unter dem Helm ein Genuss der zweifelhaften Art. Es folgen erste Serpentinen. Zwei kurze Tunnel, eine Brücke und einige weitere Kehren lockern den weiteren Anstieg auf. Hinter Estenc zieht sich die kleine Straße durch ein idyllisches Hochtal, eingerahmt von Nadelwald und umgeben von hohen Felsen. Am Ende des Tals bleiben die Almwiesen bald unter uns zurück. Mit der Aussicht auf die letzten zwei- oder dreihundert serpentinenartigen Höhenmeter geht es nun hart am Abgrund entlang bis zur Passhöhe des Col de la Cayolle (2.326 m). Die unspektakuläre Passhöhe bietet lediglich einen kleinen Richtungsstein und einen Parkplatz. Bei nur 3 Grad ist das heute kein Ort zum Verweilen. Der Weg nach unten kommt weniger spritzig daher als die Auffahrt über die Südrampe. Das Teerband schlängelt sich auf vielen Kehren und Kurven gemächlich durch die Bergwelt. Die Strasse schrumpft jedoch gelegentlich für mehrere Kilometer auf nur eine Fahrspur zusammen. Rechts reicht dann die Felswand bis an die Strasse, links schützt uns nur eine winzige Mauer oder eine wackelige Leitplanke vor dem Abgrund. Das schmale Sträßchen kann sich gerade so zwischen den Felswänden und unter Respekt einflössenden Felsüberhängen hindurchzwängen und reduziert so ganz nebenbei das Tempo. Schließlich weitet sich die Schlucht wieder; die letzten Kilometer bis ins Tal werden von langen Geraden dominiert und die Zivilisation rückt merklich näher, bis wir in Barcelonnette das Ende der Abfahrt erreicht haben.
Grand Canyon du Verdon
Im Departement Alpes-de-Haute-Provence treffen wir auf eine großartige, wenn nicht sogar die spektakulärste, Schlucht Europas. Der bis zu 700 Meter tiefe – allein das Hinunterschauen kann eine leichte Übelkeit verursachen – „Gorges du Verdon“ („Grand Canyon du Verdon“), zählt zu den größten Canyons der Welt. 21 Kilometer phantastische Landschaft und einer der schönsten (Stau-)Seen Südfrankreichs, der türkisfarbene Lac de Sainte-Croix. Die Strecke am Steilhang des Canyons entlang ist eine einzigartige Traumstrasse. Ende September herrscht hier wochentags fast kein Ausflugsverkehr. Das gesamte Gebiet entlang des Verdon und die ihn umgebende mediterrane Landschaft sind in der Herbstsonne der Provence von besonderer Schönheit. Auf unserer Runde auf der Höhenstrasse rund um den Grand Canyon du Verdon sind daher natürlich zahlreiche Fotostopps obligatorisch – die Blicke in die Abgründe der großartigen Schlucht sind einfach zu faszinierend. An einem der Aussichtspunkte treffen wir sogar auf eine Gruppe von Geiern, die über uns majestätisch ihre Kreise ziehen.

Reise – Infos
Zeit: September 2015
Fahrzeuge: 1 Honda Silver Wing 600, 1 Honda Gold Wing 1800, 1 Honda NC 700/750
Teilnehmer: Ralf, Evi/Michael, Silke/Wolfram,Traudel
Unterkunft: Motorradhotel “Maison Saint Georges” / F-04250 La Motte du Caire
Tourlänge: Tagestouren 200 – 300 km, insgesamt 2.600 km
Karte: Michelin Provence-Alpes-Cote d`Azur, ISBN: 9782067148413
Klima: trocken, 20° – 24° Grad, nachts kühl
Bilder: www.motorroller-info.de
© Text/Bilder: Ralf Beelitz



